Aktuelles
Zur Erinnerung an Willi Dürrnagel
von Hans Steidle
Am 1. März 2026, kurz vor seiner wahrscheinlichen Wiederwahl in den Stadtrat, ist Willi Dürrnagel, der Zweite Vorsitzende der Leonhard Frank-Gesellschaft gestorben. Unter den Würzburger Kommunalpolitikern und den engagierten BürgerInnen war er eine außergewöhnliche Persönlichkeit.
Willi Dürrnagel kam als zweiter Sohn des Konditormeisters Emil Dürrnagel und seiner Frau Martha in Würzburg am Frauenlandplatz zur Welt. Er wurde Postbeamter und im Alter von 25 Jahren für die SPD am 1. Juli 1972 in den Würzburger Stadtrat gewählt, dem er 54 Jahre mit wachsender Zustimmung und Popularität angehörte. In mehr als einem halben Jahrhundert Kommunalpolitik wechselte Willi häufiger die Parteien.
Bis 1986 war er Sozialdemokrat, dann wechselte er zu der FWG Würzburg. Dort wurde er 1990 ausgeschlossen, weil er deren OB-Kandidaten Werner Fischer kritisierte. Er passte auf Dauer eben nicht nur in eine Partei, und das mag daran gelegen haben, dass er sich und seinen Überzeugungen mehr treu blieb als einer Partei. Bis 2004 saß er dann für die Unabhängigen Bürgern Würzburgs im Stadtrat, im selben Jahr fand er sich bei der CSU oder auf einem ihrer Listenplätze wieder. 2014 wurde er von Platz 14 auf Platz 4 nach vorne gewählt. Fünf Jahre später wollte die CSU ihm keinen Listenplatz mehr einräumen, weil er zu häufig nicht mit der CSU-Fraktion gestimmt hatte. Nun fand sich Willi Dürrnagel für drei Jahre in der Würzburger Liste bei Jürgen Weber und schließlich in der ÖDP bei Raimund Binder wieder. Für die Kommunalwahlen am 8. März 2026 hatte Dürrnagel sich zuletzt als Kandidat der ÖDP aufstellen lassen.
Basis blieb sein breitgefächertes und leidenschaftliches Interesse und sein Engagement für Würzburg, das ihn zu der Parteilichkeit für seine Heimatstadt und deswegen einer politischen Überparteilichkeit veranlasste.
Ausschlaggebend war für Willi Dürrnagel wohl die Begegnung mit Heiner Reitberger (1923-1998), dem Denkmalschützer, Journalisten, Maler und Dichter, der mit seinem immensen Wissen die schlimmsten Verfehlungen des Wiederaufbaus verhindern wollte. 1973 wurde Willi Dürrnagel Sprecher in dem von Heiner Reitberger gegründeten Initiativkreis zur Erhaltung historische Denkmäler, um wertvolle Bausubstanz des alten Würzburgs zu erhalten. Der Wunsch, an das historische Würzburg, seine Geschichte, sein Aussehen, seine Menschen zu erinnern, führte dazu, dass Willi Dürrnagel seine Tätigkeit unwahrscheinlich erweiterte. Dass er auch noch ein 50 000 Objekte umfassendes Archiv durch seine Sammlertätigkeit aufbaute, ist ein Wunder und führte dazu, dass er seinen Wohnkomfort zugunsten seiner Liebe für Würzburg einschränkte.
1982, zum 100. Geburtstag des Dichters Leonhard Frank, gehörte Willi Dürrnagel zu den Gründungsmitgliedern der Leonhard Frank-Gesellschaft. Er war über die gesamte Zeit ein aktives Mitglied, der sich für verschiedenste Veranstaltungen mit seinem Wissen und seinem Archiv über den Schriftsteller Frank einbrachte. Unter seinen unzähligen Vorträgen und Führungen gehörten auch seine Leonhard Frank gewidmeten Veranstaltungen, gehalten im Dialekt, den auch Frank noch sprach, klar, gut verständlich, unterhaltsam und sehr informativ. 2011 wählten unsere Mitglieder Willi zum Zweiten Vorsitzenden der LFG, der die Gesellschaft in Würzburg repräsentierte, während Michael Henke als Erster Vorsitzender in Berlin lebte. Auch nachdem ich Michael Henke als Erster Vorsitzender 2017 ablöste, blieb Willi Dürrnagel im Amt, obwohl er in mindestens 25 weiteren Vereinen und Organisationen Mitglied und tätig war. Es ist sein Geheimnis, wie er dies schaffte und auch noch bei allen Mitgliederversammlungen, auch denen der LFG anwesend zu sein.
Obwohl Willi Dürrnagel seit Jahren an Krebs erkrankt war, gab er nicht auf, er wollte weiter aktiv bleiben, sein Archiv für die zukünftigen Generationen und einen neuen Standort ordnen sowie in seinen vielen Engagements und Tätigkeiten weiter wirken.
Er wird uns fehlen, mit seinem Wissen, seinen Erzählungen, seinem Humor und der Freude über seine Erwerbungen, mit seinen Ideen und es gibt keinen Ersatz für ihn. Würzburg ist ärmer und die Leonhard Frank-Gesellschaft ist ärmer. Wir vermissen Willi jetzt schon.
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Leonhard Frank – der Dichter und die Malkunst (1904-1914)
Vortrag von Dr. Hans Steidle:
Termin: Freitag, 20. Februar 2026, 19.30 Uhr
Ort: Spitäle, Zeller Straße 1, 97082 Würzburg
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten.
Eine Kooperationsveranstaltung mit der Vereinigung der Kunstschaffenden Unterfrankens
Zum Inhalt: Leonhard Frank (1882-1961), der prominenteste Würzburger Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, 6 Jahre Besuch der Volksschule, suchte seine Identität als Künstler, zunächst als Studierender an der Akademie in München, dann als Kunstmaler, um in Berlin sich für die Schriftstellerei zu entscheiden. Frank lebte in beiden Städten in der avantgardistischen Boheme und kannte führende Persönlichkeiten der Kunstszene. Von seiner Zeit und Tätigkeit als bildender Künstler ist gerade eine Mappe mit farbigen lithografischen Drucken erhalten, literarisch ausgeschmückte Schilderungen Franks und Materialien, die das aufregende Leben Franks in München und Berlin (1904-1914) erhellen, als die expressionistische Revolution die gesamte künstlerische Tradition erschütterte. Der Vortrag ist Teil des Forschungs- und Buchprojekts „Leonhard Frank – Maler, Dichter und der neue Mensch“.
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Glück ist Leid. – Spurensuche auf dem Lebensweg von Sofie Benz, der ersten großen Liebe von Leonhard Frank
Vortrag und Lesung
Die Autorin Petra Brixel stellt ihr gleichnamiges Buch vor.
Zum Inhalt: Nachdem die Malerin Sofie Benz ihren Freund Leonhard Frank im Jahr 1908 verlassen hatte, verarbeitete der gebürtige Würzburger seinen Schmerz in sechs Farblithografien mit dem Titel „Fremde Mädchen am Meer und eine Kreuzigung“. So schildert er es in seinem Buch „Links wo das Herz ist“. Danach wandte er sich von der bildnerischen Kunst ab und wurde ein bekannter Schriftsteller. „Die Räuberbande“ wurde 1914 zu einem ersten großen Erfolg.
Wer aber war Sofie Benz, seine erste Geliebte?
Termin: Mittwoch, 20. November 2024, 18.30 Uhr
Ort: Stadtbücherei Würzburg, Falkenhaus Dauthendey-Saal
Eine Veranstaltung von Stadtbücherei Würzburg und Leonhard-Frank-Gesellschaft.
Mehr Informationen zum Buch und zur Veranstaltung
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Vortrag und Lesung, anlässlich des 100. Todestages von Marie Frank, Mutter des Dichters Leonhard Frank
Referent: Dr. Hans Steidle
Termin: Mittwoch, 23. Oktober 2024, 19.30 Uhr
Ort: Kunsthaus Michel, Semmelstr. 42, 97070 Würzburg
Eine Kooperationsveranstaltung von Akademie Frankenwarte, Leonhard-Frank-Gesellschaft, der Gleichstellungsstelle für Frauen und Männer der Stadt Würzburg und Kunsthaus Michel.
Eintritt frei
Marie Frank (1852-1924), Mutter des Dichters Leonhard Frank, verstarb vor 100 Jahren und schrieb vor 110 Jahren unter dem Pseudonym Marie Wegrainer den autobiographischen Roman „Der Lebensroman einer Arbeiterfrau“, um ihren Sohn zu unterstützen. Er handelt von ihrem Leben in Armut, Belastungen als Dienstmädchen in vornehmen Familien und als Ehefrau und Mutter.
Es ist eines der wenigen Bücher über die sogenannten Dienstmädchen, die 30 Prozent der berufstätigen Frauen um 1875 ausmachten. Fakten und Fiktion liegen nah beieinander: Im Buch kann sie weder als Dienstmädchen, noch als Ehefrau ihr Glück machen.
Der Roman gibt einen spannenden Einblick in die Sozialgeschichte des Kaiserreichs, das Leben einer eigenwilligen und starken Frau und über die Familie des Dichters Leonhard Frank …

